| Liebe Freunde der Psychographie,
aus einer Diskussion im Kreis von Psychographie-Anwendern ist ein Text entstanden, den ich hiermit zur Diskussion stellen möchte. Im Text ist u.a. von der "Haus-Metapher" die Rede - wem diese noch nicht geläufig ist, kann darüber im Aufsatz "Varianten psychographischer Landkarten" (hier bei den Downloads erhältlich) nachlesen.
Viele Grüße,
Werner Winkler
Was ist "Psychographie"?
In den letzten Jahren hat sich der Eindruck durchgesetzt, die "Psychographie" sei vor allem ein Typenmodell zur Unterscheidung verschiedener Persönlichkeitsmuster.
Jedoch bietet sich auch eine andere Definition an, besonders im Hinblick auf die 1999 vorgestellte "Landkarte der Psychographie". Sie lässt sich als Modell der "Räume" verstehen, in denen sich ein Lebewesen aufhält bzw. in denen es sich erlebt. Dieser Aspekt wurde 2009 durch die Einführung der "Haus-Metapher" noch verstärkt.
Hier werden neun Begriffe in drei Gruppen definiert und später den Räumen zugeordnet. Zur Erinnerung:
Gruppe 1 (Beziehungen):
- Du-Bezug
- Ich-Bezug
- Wir-Bezug
Gruppe 2 (Zeiträume):
- Gegenwart
- Vergangenheit
- Zukunft
Gruppe 3 (Tätigkeiten):
- Reize aufnehmende (fühlen)
- Reize verarbeitende (denken)
- Reize aussendende (machen)
Dieses "Haus-Modell" zeigt also zunächst neun Räume, gegliedert in drei Etagen. Die Abfolge von Etagen und Räumen, also welcher der neun Begriffe welchem Raum zugeordnet wird und wie groß daher seine Bedeutung ist, zeigt je nach Individuum eines von 81 verschiedenen Mustern.
Das Modell definiert also sowohl als grundlegend angesehene Begriffe als auch eine bestimmte Architektur durch Unterschiede in den Raumgrößen (Höhe, Breite). Es gibt eine vergrößerte und eine verkleinerte Etage und zudem auf jeder Etage ein vergrößertes und verkleinertes Zimmer.
Zwischen diesen Räumen unterschiedlicher Größe soll nach der Theorie von Natur aus eine Dynamik entstehen, die gebremst oder gefördert werden kann. Zudem soll so verständlicher werden, weshalb verschiedene Menschen je nach Ähnlichkeit oder Unterschiedlichkeit ihres "Haus-Musters" sich besser oder mühsamer verstehen bzw. das Verhalten eines anderen Menschen aus der eigenen Perspektive interpretieren und damit unter Umständen einen falschen Eindruck bekommen.
Ein Beispiel: Während bei Herrn A. der größte Raum im Haus (die "Empfangshalle") der Raum des "Denkens" und sein kleinster Raum in der zweiten Etage (die "Besenkammer") die Wir-Bezüge, verhält es sich bei Frau B. so, dass ihre Empfangshalle für die Wir-Bezüge reserviert ist und die Besenkammer für die Vergangenheit. Betreten die beiden nun gegenseitig ihre Häuser, ist die Verwunderung durchaus verständlich.
Dieses Muster mitsamt den Begriffen soll also die Lebenswirklichkeit des Menschen in seinem tiefsten, unsichtbaren Inneren (seiner "Seele", seiner angeborenen "Persönlichkeit", seinem "Naturell") strukturell erfassen - vergleichbar dem Atommodell oder dem DNA-Modell.
Nun wissen wir aber, dass sich der Mensch in seinem Erleben durchaus als Abbild der Welt an sich auffassen lässt, da wir ja ein Teil der Welt sind und den gleichen Naturgesetzen unterliegen wie ein Atom oder eine Galaxie. So liegt es nahe, den Versuch zu unternehmen und dieses Landkartenmodell einmal in die Sprache der Physik zu übersetzen:
Gruppe 1 (Anziehungen):
- Magnetismus zw. Objekten - Schwerkraft eines Objekts - (elektromagnetisches) Feld Gruppe 2 (Zeiträume):
- der Standpunkt im Raum - vergangene Zeit - verbleibende Zeit Gruppe 3 (Tätigkeiten):
- etwas aufnehmen - etwas speichern/verarbeiten - etwas* abgeben
* Energie, Reiz, Information
Jedes Objekt, jedes Wesen, jedes System, könnte auf Basis dieser Landkarte oder Matrix beobachtet, verstanden, klassifiziert - und mit anderen verglichen werden. Es entstünde sozusagen ein auf einheitlichen Begriffen basierender "Fingerabdruck".
Ließe sich so fast alles aus dem Blickwinkel der "Landkarte der Psychographie" sinnvoll betrachten, wäre sie eher als "map of almost everything" zu nutzen - und nicht nur als Typenlehre.
Zwischen der Anwendung und der ihr zugrunde liegenden Theorie müsste demnach unterschieden werden.
Aus diesem Blickwinkel nun stellt sich u.a. die Frage, ob denn eine Benennung der ganzen Theorie nur nach einer von vielen Nutzungsmöglichkeiten angemessen ist oder ob nicht ein weiter gefasster, neutralerer Begriff sinnvoll wäre.
Als Vergleich bietet sich hier die Lehre Rudolf Steiners an (die Anthroposophie als Weltbild oder Theoriegebäude) - dort gibt es eine Walldorf-Pädagogik oder die Eurythmie (als zwei Anwendungen der Anthroposophie) und die Benennungen sind klar voneinander getrennt.
In der derzeitigen Psychographie ist es hingegen noch so, dass das theoretische Modell und die Bezeichnung für eine herausstechende Anwendung (die Typenlehre) identisch sind - wobei sich ja eine zweite Anwendung (die typgerechte Psychotherapie nach Friedmann) bereits sprachlich als "ILP" abgetrennt hat.
Daraus könnte man nun folgern, dass künftig der Begriff "Psychographie" entweder nur für das theoretische Modell oder für die Typenlehre verwendet wird. Oder man sucht für beide (und weitere Anwendungen) neue, passendere Begriffe, z.B. Struktosophie für das theoretische Modell (also die Landkarte) und Struktoskopie für den aufklärenden Einblick in die innere Persönlichkeitsstruktur eines Menschen.
Alle Rechte: Werner Winkler, Juli 2010
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